Freiwilligen-Blog: Am Rande des Abgrundes

von Naja Golüke

Es war Weihnachten. Dieses Jahr war es ein ziemliches aufregendes und spannendes Weihnachten. Lhaylas Eltern kamen zu Besuch und brachten uns so ein wenig Weihnachtsstimmung mit. Jedoch stand die Reise zum Cañon del Colca direkt vor der Tür. Kaum geplant fuhren wir auf eigener Faust  am zweiten Weihnachtstag los. Angekommen in Shivay ein kleines Dörfchen in der Nähe des Colca Cañons nahmen wir ein Taxi zu Mirador del Condor. Völlig fasziniert von der Landschaft und der riesen Felsen vor welchen peruanische Frauen, in traditionellen Kleidern, Schmuck, Kleider und weiteres verkauften, sahen wir ernsthaft Andenkondore direkt über uns fliegen. Diese riesigen Tiere flogen seelenruhig und ziemlich gelassen über uns hinweg. Nachdem wir uns „satt gesehen“ hatten ging unsere Tour los. Während die anderen Touristen mit Bussen, Combis oder weiteren Verkehrsmittel in das nächste Dorf gefahren wurden entschieden wir uns zu wandern. Ulli (Lhaylas Vater) meinte nur: „ Ach diese alten Dullis können ja gar nichts, wir gehen! Was sind denn schon 16 Kilometer?“ 1Dieser Meinung angeschlossen wanderten wir los. Inspiriert von der wahnsinns Umgebung marschierten wir voran. Jedoch wurde es leider immer höher und höher. Wir waren nun schon auf einer Höhe von 3287 m . Bergauf in einer Mittagssonne von 35 Grad schlug das Herz dann doch schneller. Egal wir marschierten weiter, doch leider schlugen die Hitze und die Höhe doch auf den Kreislauf, sodass es für Kerstin (Lhaylas Mutter) doch eine ziemliche Belastung war. Während sie den Rucksack von sich schmiss und leicht panisch nach Luft schnappte kam ein alter Wagen mit Ladefläche vorbei. Ohne zu zögern hielten wir ihn an und meinten nur, dass diese Frau mitgenommen werden muss! Kerstin schrie nur: „ Naja, du kannst spanisch sprechen, du kommst jetzt mit! „ ohne lange überlegen zu können, stieg ich einfach mit ein. Da saßen wir nun, auf einer Ladefläche, auf welche die traditionell gekleideten peruanischen Frauen auf ihrer Ware saßen und uns nur auslachten, da sie uns vorher noch gesagt haben, dass auch Busse in das Dörfchen fahren und wir nur ganz stolz meinten: „ Nein! Wir wandern.“

3So saßen wir auf den überfüllten Tüten, in welchen die Ware gepackt war, die sie kurz zu vor noch zu verkauften versuchten. Ich hörte nur wir die peruanischen Frauen über unsere schönen „Gringaaugen“  sprachen und uns alle gleichzeitig anstarrten.  So wurden wir gemütlich in das nächste Dorf kutschiert während Ulli und Lhayla weiter wanderten. Allerdings waren die beiden guter Dinge und kamen eine Stunde später an.  Trotzdem sahen die beiden ein wenig erschöpft aus, was wir dann doch nicht mehr behaupteten konnten, da wir uns mit einem Café, einer Cola und einer genüsslichen Zigarette  wieder beruhigt hatten. Den restlichen Tag verbrachten wir damit uns das Dörfchen anzuschauen. Übernachtet haben wir in einem niedlichen Hostel, in welchem entspannende Musik lief und uns leckeres Essen angeboten wurde. Durch die Höhe und dem am Abend auftretenden Regenschauer wurde es dementsprechend immer kälter, sodass ein gutes warmes Essen und eine heiße Schokolade uns den Abend versüßte und wir letztendlich müde ins Bettchen fielen. So der morgen brach an. Ohne mir großartig Gedanken über unsere Wanderroute zu machen ging ich mit meinen Mitstreitern los. Das Gepäck wurde auf unsere Rücken verfrachtet zudem die ganzen ein Liter Wasserflaschen, welche das  Gesamtgewicht erhöhte. Aber egal –so schlimm kann es ja gar nicht werden! Unser Ziel waren die heißen Oasen die unten im Cañon del Colca zu finden sind. Zuerst gingen wir ein paar Schleichwege die uns dann zu einem Schild führten. Auf diesem stand „ zu den heißen Oasen hier entlang“. Völlig verdutzt guckte ich in die Wegrichtung aber sah keinen Pfad. Ein paar Schritte weiter sah ich nun einen kleinen Pfad, welcher aber senkrecht den ganzen Canon herunter lief. Ich dachte mir, die wollen uns  veräppeln –da legt man sich doch hin! Nun gut im Reiseführer steht man brauche nur zwei Stunden. Also gingen wir los. Der Pfad war sehr steil, schmal und mit Steinen überseht, sodass man keinen richtigen Halt hatte und man bestimmt alle fünf Minuten umgeknickt ist.

4Der Ausblick war natürlich der Hammer. Je mehr man herunter ging desto mehr konnte man von den heißen Oasen und der tropischen Landschaft sehen. Immer mehr stieg die Vorfreude an, bald angekommen zu sein. Doch leider kamen und kamen wir nicht an. Es war bereits Mittag die Mittagssonne knallte direkt auf uns und wir befanden uns auf einer Höhe von 3000m. Der Wasservorrat ging uns langsam aus und bei jedem Schritt wurde es heißer und heißer. Lhayla und Ulli gingen voran. Irgendwann haben Kerstin und ich sie nicht mehr gesehen. Während Lhayla und Ulli ganz freudig von dem einen Stein zum anderen Stein herunter hüpften quälten uns Kerstin und ich den tiefsten Canon Südamerikas herunter. Zwei Schritte weiter – dann wieder Pause. Der Kreislauf spielte verrückt und es war kein Ende in Sicht. Die Hitze die Höhe und diese unnormale Tiefe machte uns schon sehr zu schaffen, sodass wir fast den Cañon herunter krochen.  Nach drei Stunden haben wir es endlich geschafft. Unten angekommen schien die Sonne nicht mehr so stark was uns ziemlich gut tat, da die frische kalte Luft uns abkühlte. Unsere Gesichter genauso wie unsere Füße waren schon so angeschwollen, dass wir uns auf den Pool, gefüllt mit Bergwasser, so sehr freuten. Dieser befand sich direkt neben unserer Unterkunft. Unsere Zimmer waren sehr idyllisch  und einfach. Wir schliefen auf Steinbetten mitten in einer tropischen Landschaft, umgeben von heißen Oasen und Natur. Rundherum sah man nur den Cañon und die unendliche Höhe. Nach dem Schwimmen im warmen Pool gab es Abendessen. Besser konnte es uns nicht gehen, doch während des Abendessens wurde Kerstin und mir klar, dass wir ja am nächsten Morgen wieder hoch kommen müssen. Aber wie sollten wir das anstellen?! Leider gab es keinen anderen Weg außer hoch zu wandern oder mit einem Muli hoch zureiten. Sollten wir einfach unten bleiben und auf einen Hubschrauber warten, der eventuell irgendwann mal vorbeifliegen würde oder sollten wir hochwandern? Uns war bewusst, dass wir niemals das Ziel erreichen würden, wenn wir uns entscheiden würden hoch zu wandern. Mit einem Muli hoch zureiten war auch keine gute Lösung, da wir beide Angst vor Pferden geschweige denn vor Mulis  haben. Ziemlich hin und her gerissen mussten wir uns dann für die Mulis entscheiden. Morgens um fünf Uhr aufgestanden ging es los. Die Panik stieg auf. Noch nie war ich mit einem Pferd geritten geschweige denn mit einem Muli. Und dann sollte ich ernsthaft den tiefsten Cañon ganz Südamerikas auf einem  Muli hochreiten?  Eine andere Lösung gab es leider nicht. Zum Glück wurden wir von einem Mann begleitet, welcher ebenfalls auf einem Muli geritten ist. Zudem begleitete uns ein kleiner Esel, welcher weiteres Gepäck trug. Nun gut wir dachten uns:  „ Augen zu und durch!“ Nun fingen wir an den Cañon mit einem Muli zu besteigen. Wahnsinniges Gefühl, welches mit Abenteuerlust aber auch einer riesigen Angst verbunden war. Das Blöde war nämlich, dass die Mulis mitten auf dem Weg stehen geblieben sind. Egal was man sagte oder machte, sie haben sich nicht weiter bewegt, was wirklich zu einem Problem geworden ist, da der kleine Esel, geladen mit Gepäck, jedes Mal versuchte, sich vorzudrängeln. Das war wirklich nicht witzig, da wir durch ihn immer mehr an den Rand abgedrängt worden sind und man so nur die unendlich Tiefe sah. Jeden Moment dachten wir, wir stürzen jetzt ab. Todesangst packte uns. Der Pfad war so schmal und steinig, dass die Mulis echt zu kämpfen hatten aber zum Glück waren sie trittfest.  Ich ritt voran hinter mir Kerstin. Die Mulis machten langsam schlapp und wollten nicht mehr voran gehen. Schon wieder kam das Gedränge zwischen meinem Muli und das von Kerstin auf. Als ob das nicht gereicht hätte, mischte sich auch noch der kleine Esel ein. Ein riesiges Gedrängel  zwischen Mulis und Esel. Verzweifelt riefen Kerstin und ich nur: „ Ula“ welches übersetzt „lauf“ heißt.  Da ich noch kaum Erfahrung mit Pferden hatte, traute ich mich auch nicht, meine Füße in den Bauch des Mulis zu rammen, damit er weiter läuft. Kerstin, eine hervorragende Pädagogen, welche nur auf die Gefühle und die Gedanken andere eingeht und immer kühlen Kopf bewahrt, schrie mich an und meinte: „ Naja, jetzt sei mal ein bisschen härter, die alten Viecher merken eh nichts, das sind die gewohnt und selbst wenn es ihnen weh tun würde haben sie halt eben Pech gehabt, wir müssen hier überleben! Und jetzt nimm das Seil und schlag diesem nervigen Esel auf die Nase, damit er rafft, dass er nicht mehr vordrängeln soll.“ Völlig verdutzt von ihrer Redensart befolgte ich ihren Befehl.

2Auf halbem Wege trafen wir Lhayla und Ulli, welche mich schon von weitem fluchen hörten und sich vor Lachen nicht mehr halten konnten. Man hörte mich von Weitem schon fluchen: „ Himmel Herr Gott Arsch und Zwirn!“  Mir war zuvor  gar nicht bewusst, dass ich überhaupt so welche Sprüche kannte. Aber die Angst war einfach so groß. Während wir an Ulli und Lhayla vorbei ritten, fragte ich Lhayla ganz verzweifelt, ob es Sinn mache, wenn ich die Mulis positiv bestärke, sprich  Komplimente machen, damit die Motivation des Tieres steigt. Man muss ja immer pädagogisch denken! Doch leider hat es dann doch nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Doch währenddessen musste ich so lachen, da mir das wie ein schlechter Westernfilm vorkam. Es haben nur noch die Hüte und die Musik dazu gefehlt.  Das Schlimmste war auch noch, dass die Mulis ständig am koten waren, was dem hinterem Muli nur zu recht war. Gerne bückten sie sich herunter und naschten ein wenig davon. Na super, da steht man mitten auf einem Canon – ist halb am sterben und dein Muli bückt sich erst mal um sich über das Ausgeschiedene von dem vorherigen Muli zu erfreuen. Während Kerstin und ich total verwirrt waren, da wir nicht wussten, ob wir lachen oder weinen sollten lachte sich unser peruanischer Begleiter einen ins Bärtchen und erfreute sich über die panischen Touristinnen. Vor allem weil Kerstin so durcheinander da war, dass statt „ula“ „hugo“ rief. Nach einer Stunde Todesangst und gleichzeitiger Freude waren wir endlich angekommen. So erst mal einen Kaffee und eine Kippe, rief Kerstin. Abgestiegen von den Mulis und voller Erleichterung gingen wir zu unserem amigo, welcher eine kleine Imbissbude besitzt und bestellten uns einen Kaffee und eine kalte Cola und genossen diese mit unserer wohlverdienten Zigarette. 5